Faszien und fasziales System

Faszie bezeichnet die Weichteil-Komponenten des Bindegewebes, die den ganzen Körper als ein umhüllendes und verbindendes Spannungsnetzwerk durchdringen. Faszien bilden ein dreidimensionales Ganzkörper-Netzwerk, das mit jedem einzelnen Organ, Knochen, Muskel, Nerv in Verbindung steht. Faszien galten lange nur als bedeutungsloses Hüllmaterial, das von Chirurgen ignoriert und von Anatomen wegpräpariert wurde. Nun wird anerkannt, dass Faszien für zahlreiche wichtige Funktionen im Körper sorgen und dass es sehr wichtig ist, sie in der Bewegung mit ein zu beziehen.

In seiner Gesamtheit ist das Fasziennetz ein den ganzen Körper umfassendes Spannungs-, Gleit- und Kommunikationssystem. Es ist eng verbunden mit dem muskulären System und arbeitet Hand in Hand mit den Knochen und dem Nervensystem. Dieses lebendige, ineinandergreifende Spannungsnetz trägt wesentlich zu unserer Form, körperlicher Gesundheit, Wahrnehmung, unserem Verhalten sowie unseren Haltungs- und Bewegungsmustern bei.

Faszien sind zusammengesetzt aus Zellen (vor allem Fibroblasten), Fasern (vor allem Kollagen und Elastin) und Wasser.

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Biotensegrität und spatial medicine

Biotensegrität-Modell

tenségrité

Spannung (tension) und Ganzheit (integrity)

Der Körper ist ein ganzheitliches System, das über die Eigenschaften einem Tensegritätssystem verfügt. Die Holzstäbchen repräsentieren die Knochen und die Gummibänder die Faszien. Muskeln sind im Fasziennetz gefasst, und bieten eine Feinsteuerung Rolle in der Bewegung an. Die nach außen gerichteten Kräfte der Knochen bieten uns inneren Raum an, und das nach innen gerichtetem Fasziennetz aus elastischen Strukturen dient als dynamischer Stabilisator. Das gleiche Modell gilt für den Körper in Bewegung. Wenn wir zwei Holzstäbchen auseinander ziehen, weitet sich (expandiert sich) das ganze Modell einheitlich. Wenn wir uns dieses Modell in unserem Brustkorb vorstellen, sind es die Rippen die sich weiten um den Organen Platz zu machen und erlauben uns in alle Richtungen zu bewegen.

Eine klare Form, dynamischer Stabilität die uns erlaubt anpassungsfähig zu sein,  dass uns ein Gefühl von Raum und Weite  schenkt um uns frei in alle Richtungen zu bewegen: das ist das Ziel das wir erreichen möchten mit einem Körper der tensegrale Qualitäten besitzt.

Anatomy Trains – myofasziale Schlingen

Das Anatomy Trains Konzept wurde von Tom Myers entwickelt

Das Anatomy Trains Konzept ist eine Vereinfachung des Fasziensystem, das eine Körper Lesung durch 12 myofasziale Schlingen (auch Meridiane, Leitbahnen oder Linien genannt) ermöglicht. Es ist ein ganzheitliches anatomisches und einschliessendes System, das uns ein vertieftes Verständnis für dreidimensionale myofasziale Anatomie und Ganzkörpermuster vermittelt. Die myofasziale Meridian-Theorie verneint den Wert der vielen individuellen, auf Muskeln basierten Techniken und Analysen nicht, sondern setzt sie lediglich in den Kontext des gesamten Systems.

Das Konzept ermöglicht Haltungs- und Bewegungsmuster mit mehr Klarheit zu sehen, und Bewegung als Teil eines Kontinuums und nicht als Aneinanderreihung einzelner Ereignisse zu betrachten. Dies ermöglicht die gezielte Optimierung dynamischer Stabilität im ganzen Körper, mehr Anpassungsfähigkeit und Bewegungsfreiheit, Verminderung der Schmerzen, einwandfreie Funktion der Organe und Atemwege sowie mehr persönliche Integrität.

Faszien und Pilates

Joseph Pilates hatte ein Verständnis dafür, wie der menschliche Körper funktioniert, aber keine aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse. Durch die Beobachtung von Tieren mit vielen Sinnen, entwickelte Herr Pilates dann eine Methode von Übungen und Geräten, die sich wunderbar für ein globales Training des menschlichen Körpers eigneten.

Ein Training, das den Fokus auf isolierte, einzelne Muskelgruppen legt, hat – mit dem Verständnis des Körpers als Biotensegritätsystem –  wenig Sinn. Im Gegenteil, es ist wichtig Bewegungen zu fördern, die lange myofasziale Meridiane mit einbeziehen, genau was die Pilates Methode offeriert. Erst die Ganzkörperübungen verfeinern das Zusammenspiel der an der Bewegung beteiligten Körper Bereiche und aktivieren die Faszien. Es ist jedoch nicht ausgeschlossen, dass es jeweils nötig ist eine Bewegung zu isolieren (micro-Bewegung), um sie dann in  seiner Ganzheit besser zu verstehen (macro-Bewegung).

Die ursprüngliche Pilates-Methode ist nicht das, was wir oft gelesen oder gedacht haben: Kräftigung der tiefen Muskeln, des Beckenbodens, der Bauchmuskeln, des „Zentrums“, des „Kerns“… Diese Vision der Methode ist reduktiv. Natürlich ermöglicht Pilates ein gutes Funktionieren der integrierten Strukturen in der tiefen  myofaszialen Linie (deren Beckenboden und Zwerchfell u.a. damit zusammenhängen), nicht durch eine freiwillige Aktivierung der tiefen Muskeln, sondern durch einen Ausgleich der Spannung der verschiedenen myofaszialen Linien. Dieser Spannungsausgleich ermöglicht es uns, Raum für jede Struktur, jedes Organ zu schaffen, das dann frei im Netz der Faszien aufgehängt werden kann und keine Kompression auf andere Strukturen ausübt.

Das Pilates-Repertoire an den Geräten, insbesondere mit Hilfe von Federn, ermöglicht es, das zu verstehen, was Joseph Pilates schon vor langer Zeit verstanden hat: Der Körper ist intelligent und arbeitet global. Wie die Federn an den Geräten sind auch unsere Faszien elastisch und ermöglichen, kinetische Energie zu speichern, bevor sie freigesetzt wird.

Faszien-Training

Bewegung ist die Grundvoraussetzung für gesunde, elastische Faszien mit regelmäßiger Wellstruktur und geordneten Strukturen. Tatsächlich werden Fibroblasten (Hauptbindegewebszellen) die Produktion von Kollagenfasern an unsere Bedürfnisse anpassen. Schlechte Körperhaltung, Bewegungsmangel oder wiederholte Bewegungen ohne Richtungsänderung können zu einer übermäßigen Kollagenproduktion führen, die dann das Gleiten der verschiedenen Faszienschichten behindert, die Übertragung der Muskelkraft über die Faszie behindert und die Gelenke aufgrund mangelnder Weichteilunterstützung überlastet. Körperliche Aktivität und ein gutes Bewusstsein für die eigene Körperhaltung sind daher unerlässlich.

Eines der grossen langfristigen Ziele des Faszien Trainings ist körperliche Resilienz, mit anderen Worten ein dynamisch stabiler, widerstands- und anpassungsfähiger Körper, der sich frei bewegen und schnell erholen kann.

Faszien-Trainingsprinzipien

Katapult Effekt: Vorbereitende Gegenbewegung

Elastisch, federnde Bewegung, die wie bei einem Katapulteffekt ins Schwingen kommt.

Ninja Prinzip

Weiche und geschmeidige Bewegung.

Dynamisches Dehnen, schnell und langsam

Schnelles und langsames Dehnen mit multidirektionalen Winkel-Variationen.

Propriozeption

Bei diesem Prinzip  werden die tiefsten, innersten Gewebeschichten unseres Körpers die durch Faszien stützenden Trennwände, innerhalb des Muskels angesteuert.

Um Wahrnehmungskapazität des Bindegewebes zu fördern soll sich also möglichst vielseitig und abwechslungsreich bewegt werden, mit unterschiedlichsten Trainingsimpulsen.

Hydration der Grundsubstanz – Flüssigkeit verschieben

Durch schmelzenden, langsamen Druck auf die zu behandelnden Strukturen soll eine Durchfeuchtung der Bindegewebsschichten wieder angeregt werden.

Faszien: sensorisches Organ und Schmerz

Das Fasziensystem ist ein Sinnesorgan von äußerster Wichtigkeit für unseren Körper und spiegelt unseren globalen Zustand wider, sowohl körperlich als auch emotional. Unsere Emotionen, unsere positiven und negativen Erfahrungen und unsere Traumas sind in der Faszie (Körpergedächtnis) eingeprägt. Nur durch ein hochsensibles Gefühl und gesteigertes Bewusstsein können die Prozesse unseres Körpers beeinflusst und verändert werden. Wenn Verspannungen und Blockaden verschwinden, entsteht Raum für Bewegung. Dank dieses neuen Raumes, der bewusst geschaffen wurde, sind neue Erlebnisse möglich, die uns bisher unmöglich erschienen.

Faszien sind der Ort der Schmerzrezeptoren und werden direkt durch Stress beeinflusst. Das Bindegewebe ist somit das empfindlichste Wahrnehmungsorgan.

Faszien spielen eine wichtige Rolle bei vielen Schmerzen (z.B. Rückenschmerzen), Blockaden, Verspannungen… aber mit angepasstem Training und erhöhter Körperwahrnehmung sind sie auch die Quelle vieler Heilungen.

Komplementarität

Mit einer ganzheitlichen Sicht des Menschen, unter Anerkennung und Anwendung der neuesten Erkenntnisse über das Fasziensystem und dessen Auswirkungen auf die Bewegung, unterstütze ich meine Klienten in ihrem Wohlbefinden und ihrem Ziel, durch verschiedene Bewegungsformen, insbesondere mit der Pilates-Methode. Die Pilates-Praxis durch diese globale Sichtweise des Körpers ist eine vollkommene Ergänzung zu allen Techniken, Methoden und Therapien, die den Menschen als Ganzes betrachten.